Fluatieren von Bodenbelägen


Fluatierung wird oft als Möglichkeit betrachtet ein paar Euros mehr zu verdienen. Zu oft haben wir im letzten Jahr gut verlegte Bodenbeläge gesehen, die durch „gut gemeinte“ Nachbehandlungen direkt zum Sanierungsfall wurden.


0) Was bedeutet eigentlich „Fluat“ ?
Der Begriff „Fluat“ leitet sich von Fluor – Silikat ab. Lt. Chemie – Lexikon werden damit die Salze der Fluorkieselsäure bezeichnet.


Was wird unter dem Begriff alles verkauft ?

Unter diesem Begriff werden allerlei Chemikalien verkauft mit unterschiedlichen Inhaltsstoffen und Wirkweisen.
Die bekanntesten sind:

Kristallisierung

Die eigentliche Fluatierung ist eine Behandlung von Oberflächen mit Fluor – Silikaten, die heute auch noch als sog. Kristallisation bekannt ist. Mit Hilfe des Kristallisationsverfahrens wird bei einem feingeschliffenem Betonwerkstein, Kalkstein- oder Marmorbelag eine in der Regel geschlossenere, härtere und glänzendere Oberfläche durch eine chemische Reaktion zwischen dem Kristallisationsmittel und dem Gestein erzeugt. Die erzielbare Schichtdicke ist je nach Gestein und Sorgfalt stark unterschiedlich . Dies erfolgt in Kombination mit einem maschinellen Poliervorgang mit speziellen Pads .Dabei reagieren die wasserlöslichen Fluorsilicate des Kristallisationsmittels mit den Calcium-Mineralen des Bodenbelags. Es bilden sich wasserunlösliche Magnesiumfluoride Calciumfluoride und Kieselsäure nach der Reaktionsgleichung:

MgSiF6 + 2 CaCO3 => MgF2 + 2CaF2 + SiO2 + 2CO2

Die daraus entstandene Oberfläche setzt sich aus Calciumfluorid (CaF2), Magnesiumfluorid (MgF2) und eingelagerten Quarzen (SiO2) zusammen und ist i. d. R. gering wasserdurchlässig.
Bei Hartgesteinen, die keinen Kalkanteil besitzen, wie z. B. Granit, ist diese Methode wirkungslos.
Ist mit einem Teppichmesser kein Kratzer zu erzeugen, dann kann man davon ausgehen, das eine Kristallisierung nicht funktioniert.
Aber auch Weichgesteine lassen sich nicht immer kristallisieren. Dolomitmarmore oder Dolomite, die oft mit Kalkstein verwechselt werden, auf Basis von Magnesiumcarbonaten sind i. d. R. nicht homogen kristallisierbar, da nur die evtl. vorhandenen calcitischen Bestandteile Reaktionen zeigen.
Die werkseitig eingestellte Rutschsicherheit wird generell zerstört.

Reinigungsproblematik:
Derartige frisch kristallisierte Oberflächen sind nicht mehr zu pflegen oder zu beschichten, da eine "Verkrallung" der pflegenden Komponenten nicht mehr möglich ist. Die Folge sind Schlieren und Putzstreifen. Die Unterhaltsreinigung kann mit einem hochbenetzenden Alkoholreiniger (Gloss Xpress plus oder Veriprop) und mit vorgetränkten Mikrofaserbezügen durchgeführt werden. Im Automaten ist mit einer Hoch - Tief - Bürste (0,3 / 0,5mm) und Alkoholreiniger (Neomat N) in Verbindung mit einer guten Absaugung ein optisch ansprechendes Ergebnis erzielbar.
Sollte aber die Hauptlaufzone "abgelaufen" sein, so müsste eigentlich der wieder zutage getretene Originalbelag gepflegt werden, z. B. mit einem klassischen Seifenreiniger und die Randbereiche, die noch kristallisiert sind mit dem Alkoholreiniger. Das ist weder technisch noch organisatorisch möglich. Das bedeutet für den Gebäudereiniger, das sein Kunde nach endlicher Zeit mit dem Reinigungsergebnis unzufrieden wird und diesen Umstand dem Dienstleister anlastet. Deshalb sollte man unbedingt darauf hinweisen, das die Kristallisierung ein "Dauerauftrag" ist, der nur zeitweise eine glänzende Optik erzeugt und nach endlicher Zeit wiederholt werden sollte. Noch besser wäre ein abschleifen des Bodens und dann die Unterhaltsreinigung mit Seifenreiniger oder geeigneten Wischpflegen durchzuführen.


2) Naßfluatierung / Nasskristallisierung

Das ein alter Hut mit neuem Namen wieder auftaucht ist an der immer populärer werdenden "Naßfluatierung" zu sehen.

Statt mit einem Fluorsilikat wird i. d. R. „Kleesalz“ als Poliermittel benutzt. Dieses bereits in früher Zeit als Poliermittel benutzte „Salz“ macht salopp gesagt einen Calcium / Kalium Austausch an Oberfläche der Steine der (Bildung von Calciumoxalaten). Basis ist ein Gemisch aus Kaliummono-oxalat bzw. Kaliumtetra-oxalat. Es ist ein feinkristallines farbloses Pulver, das sich in Wasser auflöst. Betonwerk- oder Natursteine werden mit Kleesalz poliert, indem das Polierpulver auf den feucht gemachten Stein oder Polierfilz aufgetragen wird. Kleesalz ist stark ätzend und toxisch. Es wir heute wieder als „Superneu“ auch unter dem Begriff Nasskristallisierung verkauft. Bei bestimmten Gesteinen, wie z. B. Dolomit, Granit ist Kleesalz i. d. R. ungeeignet. Bei Betonwerksteinen mit granitischen Grobzuschlägen ist die Anwendung ebenfalls zweifelhaft. Die werkseitig eingestellte Rutschsicherheit wird generell zerstört.

Die Reinigungsproblematik ist wie bei der klassischen Kristallisierung zu sehen.
Bei der ordnungsgemäßen Anwendung der Kristallisierung und der Kleesalzbehandlung sind keine weiteren Nebenwirkungen zu erwarten. Das bedeutet aber vor allen Dingen, das die Gesamtkonstruktion "knochentrocken" ist. Bei zu feuchten Untergründen sind Abplatzungen an den Fugen oder andere Folgeschäden zu erwarten, die bis zur Oberflächenzerstörung führen können.



3) Wachsfluat

Da die Verwendung der vorher aufgeführten Verfahren einen entsprechenden technischen Aufwand
bedeuteten, kam man auf die lukrative Idee, Wachse mit Lösemitteln zu vermischen und das unter dem irreführenden Namen „Wachs – Fluat“ zu verkaufen. Dieses Gemisch soll Pflegeleichtigkeit suggerieren. Es hat mit dem eigentlichen Fluat und dessen Eigenschaften nichts zu tun. Damit kann man kurzfristig eine Glanzerhöhung erreichen. Auch der Einsatz von Wachsfluaten ist nicht ohne Risiken. Eingeschlossenes Mörtel-Anmachwasser führt meist zu einer ungewünschten Leopardenoptik. Ein möglicher Sekundärschaden ist das »Abmehlen« der behandelten Oberflächen. Die werkseitig eingestellte Rutschsicherheit wird generell überdeckt. Die Lösemittel stellen eine Gefährdung dar; deshalb sind Wachsfluate in aller Regel gemäß Baustellenverordnung beim SIGEKO (Sicherheits- und Gesundheitskoordinator) anmeldepflichtig.
Auch die Berufsgenossenschaftliche Vorschrift (BGV D025) zu dem max Raumluftbelastung zu beachten. Mit dem SIGEKO ist ferner zu klären, inwieweit und wie lange Lösemittelreste die Umluft kontaminieren können.
Viele Architekten schreiben immer noch nach der Verlegung eine Wachsfluatierung aus, ohne sich über die Folgeprobleme Gedanken zu machen.
Die werkseitig eingestellte Rutschsicherheit ist mit dem Wachs überdeckt worden und damit wirkungslos. Nach dem Einsatz von Wachsfluaten sind die behandelten Beläge in der Regel nicht mehr mit klassischen Pflegesystemen (Seifenreiniger) zu reinigen.
Im Unterhalt wird sehr schnell auffallen, das ein gewachster Bodenbelag stark zu Verstrichungen neigt.
Das aufpolieren zur Entfernung der Striche wird i. d. R. nicht bezahlt. Eine Entfernung des Wachses ist meistens mit Mitteln auf Basis von Orangenterpenen (Imi Orange / Neomat BMR) möglich, aber nicht ohne Risiken. Bei einer derartigen Grundreinigung ist immer der Reinigungsmittelhersteller mit "ins Boot" zu nehmen
Ohne Wachsentfernung bleibt nur die Reinigung mit einem wachshaltigen Reinigungsmittel und regelmäßiges Aufpolieren mittels Einscheibenmaschine. Der Hinweis, das die eingestellte Rutschsicherheit nicht mehr gewährleistet ist, muss unbedingt vor Beginn der Reinigungstätigkeit beim Auftraggeber schriftlich mitgeteilt werden. Bei einem Rutschunfall besteht sonst die Gefahr für den Dienstleister, das er in die Haftung genommen wird.




4) Härtefluat


Unter dem Namen "Härtefluate" sind weitere Chemikalien im Handel , die mit Fluor – Silikaten nicht zu tun haben.
Salopp ausgedrückt sind die oft verwendeten Kaliumsilikate (Wasserglas) reine Porenfüller auf mineralischer Basis.. Durch die mineraliengefüllten Porenräume ändert sich die Abriebfestigkeit, nicht aber die "Härte". Wasserglas spaltet hochgradige Laugen (Kalilauge oder Natronlauge) ab, die Sekundärschäden produzieren können. (helle Flecken) Die Reinigung kann meistens nach dem anerkannten Stand der Reinigungstechnik vorgenommen werden.

5) Skurrile Mischungen
Allerdings gibt es noch andere Chemiemischungen, die unter "Fluat" verkauft werden. Dem Autor ist ein Fall bekannt, wo ein Gemisch aus Wachs, Lösemittel und Schwefel als "Kristallisierung" verkauft wurde. Der Belag platzte regelrecht an der Oberfläche auf. Durch eine entsprechende Untersuchung konnte dies aber dem "Natursteinsanierer" nachgewiesen werden Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.


Wie ist es mit der Haltbarkeit der Oberflächen ?

Die Frage nach der Haltbarkeit ist ein immer wieder aufkommendes Thema.
In privaten Räumen ist eine Lebensdauer kann im Idealfall bei korrekter Reinigung / Pflege von 5 Jahren und mehr durchaus möglich sein. Je nach Nutzung und Nebenbedingungen kann eine Haltbarkeit auch nur 14 Tage erreichen.

Welche Fragen sollten vorher geklärt werden. ?

Der Auftraggeber ist vor einer "Fluatierung" schriftlich darauf hinzuweisen, das sich die werkseitig eingestellte Rutschsicherheit ändert. Die oft erstellten Gleitreibwertprotokolle berechtigten nicht zur Einstufung in eine Bewertungsgruppe (R9) nach DIN 51130
Der Hersteller der Bodenplatten ist schriftlich zu fragen, ob er eine "Fluatierung" für sein Material freigibt.
Fluatierungen und deren Namensverwandten sind i. d. R. ein tiefer Eingriff in die chemischen / physikalischen Eigenschaften eines Materials. Ein Hersteller kann dadurch einen Haftungsausschluss erreichen, da er die Vorgänge nicht kontrollieren kann
ist es sicherer, sich die Freigabe beim Hersteller der Chemikalien und / oder der Bodenplatten schriftlich geben zu lassen“. Bei fehlender Freigabe bleibt dem ausführenden Unternehmen immer noch die Möglichkeit Bedenken gegenüber seinem Auftraggeber anzumelden. Da nicht jeder mit der Prozedur nach VOB vertraut ist, kann es manchmal lohnender sein, seinen Anwalt vor einem potentiellem Risiko zu konsultieren
Der Hersteller der Chemikalien ist zu fragen, ab welcher Restfeuchte, gemessen mit einem CM - Gerät die Behandlung vom Material X, seinerseits freigegeben wird incl. der „objektbezogenen Verarbeitungsvorschrift.


Zusammenfassung
Sogenannte Fluatierungen haben durchaus Ihre Berechtigung je nach Nutzung und Belastung eines Bodenbelages um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Welche Methode die jeweilige optimale Lösung für einen Bodenbelag ist, können wir natürlich nicht vorhersehen..
Manchmal ist es aber auch der Versuch, ein lahmes Pferd wieder zum gallopieren zu bekommen, was aber auch zu einem Gang zu einem Abdecker nach sich ziehen kann.




Fragenkatalog für den Auftragnehmer ?
1) Ist das Belagsmaterial mit dem gewünschten System überhaupt zu bearbeiten ?
2) Ist das ausgewählte System für die jeweilige Nutzung überhaupt geeignet ?
3) Sind die Freigabebedingung des Belagsherstellers und die des Chemieherstellers innerhalb des gewünschten Zeitrahmens überhaupt erfüllbar (Stichwort Restfeuchte)
4) Ist für den Kunden die Rutschsicherheit rechtlich relevant(privat oder gewerblich) ?
5) Ist dem Auftraggeber klar, das die Dauerhaftigkeit auch von der Unterhaltsreinigung (z. B. Nachwachsung) abhängt ?
6) Ist den Beteiligten klar, daß die Fugmaterialien bei Kristallisierung und Kleesalz spröde werden können ?
7) Stimmen die Eigenschaften der Bearbeitung mit den Erwartungen des Auftragnehmers überein, was Nutzungsdauer und Optik betrifft ?